Jeder kann ein Löwe sein

Leon Müller | Chefredakteur
12.02.2018 12:40

Das TV-Format "Die Höhle der Löwen" rückt gute Ideen ins Rampenlicht. Die Sendung wirkt wie ein Katapult für junge Unternehmen - und beflügelt nicht nur sie, sondern setzt eine ganze Szene in Bewegung. Der Zuschauer hat die Wahl: zurücklehnen und zusehen - oder selbst aktiv werden. Denn heute kann jeder ein Löwe sein. 

Sie heißen littlelunch, Veluvia und Von Floerke. Sie sind jung, sie sind hip. Und sie gelten als Speerspitzen einer neuen Bewegung. Knapp drei Millionen Menschen schalten Woche für Woche ein, wenn junge Unternehmerinnen und Unternehmer ihre Ideen vorstellen. Zur besten Sendezeit buhlen die Teilnehmer um die Gunst der Löwen, buhlen um Euros und Unterstützung, wollen ihre Idee verkaufen. "Die Höhle der Löwen" begeistert Zuschauer und die Start-up-Szene in Deutschland gleichermaßen. Hier werden Deals eingefädelt. Hier wird das Fundament gelegt für den steilen Aufstieg - oder den freien Fall. Es ist die moderne Form des Gladiatorenkampfs. Die Löwen - das sind die Mitglieder der Jury. Gefällt ihnen, was sie sehen, klatschen sie Beifall, öffnen die Schleusen. Dann fließt Kohle - mitunter viel. Senken sie hingegen den Daumen, gehen die Lämmer mit gesenktem Haupt nach Hause. Bekannter zwar, aber ohne den schnöden Mammon, um den sie gebeten hatten. Das Format gefällt. Auch in der vierten Staffel holt der Privatsender VOX mit "Die Höhle der Löwen" regelmäßig den Tagessieg in der Kernzielgruppe. Doch nicht nur am Senderstandort in Köln schaut man gebannt auf die Zuschauerzahlen. Auch in Berlin, der Start-up- Stadt Nummer 1 in Deutschland, und in vielen anderen Ecken des Landes wird genau hingesehen. Mögliche Aspiranten sehen zu, Medienschaffende - und die Betreiber von Portalen wie Companisto, Kapilendo, Seedmatch und Co. Denn die Sendung bringt nicht nur die erfolgreichen Start-ups nach vorne. Der gesamte stark wachsende Mikrokosmos rund um alternative Finanzierungsformen für junge Unternehmen profitiert davon. 

Das Prinzip der Crowd

"Die Höhle der Löwen" ist viel mehr als nur eine von vielen Unterhaltungssendungen. Sie ist im übertragenen Sinne das Spiegelbild einer neuen Form der Unternehmensfinanzierung, die auf dem Grundprinzip der Crowd basiert. Die Crowd - das sind wir, eine Vielzahl von Menschen, die sich dazu entschließt, einer jungen Idee eine Chance zu geben, sich am Markt durchzusetzen. Sei es in Form einer direkten finanziellen Beteiligung oder indem wir das Produkt, das feilgeboten wird, kaufen und ihm so unsere Aufmerksamkeit schenken. Denn Aufmerksamkeit ist ein zentraler Aspekt des Crowd-Prinzips - eine Art Währung, die mindestens ebenso viel wert ist wie der Euro. Sie ist einer der Gründe, weshalb inzwischen immer mehr junge Unternehmen das Rampenlicht suchen, sei es als Teilnehmer der Sendung oder als Projekt auf einer der Plattformen im Netz. Investoren und Interessenten werden zu Kunden, so das Kalkül.

Von Floerke ist ein gutes Beispiel hierfür. Im November 2014 gestartet, präsentierte Gründer David Schirrmacher im August 2015 in "Die Höhle der Löwen" seine Idee eines innovativen Anbieters von Mode­Accessoires - und sahnte 180.000 Euro gegen ein Drittel der Firmenanteile ab. Millionen sahen zu. Von Floerke profitierte. Nicht nur von der finanziellen Unterstützung, sondern auch vom Online­Marketing­Know­how von Juror Frank Thelen. Der Monatsumsatz schoss von einst 5.000 Euro in sechsstellige Bereiche hoch. Es folgten einige Veränderungen im Gesellschafterkreis, dann der
nächste Paukenschlag: Über Kapilendo
bat Schirrmacher die Crowd um 1,5 Millionen Euro. Und erhielt immerhin 1,2 
Millionen. Das Versprechen: Neun Prozent Festzins bei einer Laufzeit von fünf Jahren, plus einen erfolgsabhängigen Bonus von bis zu 25 Prozent. Macht im besten Fall in Summe 70 Prozent Rendite. Das zieht. Motivation bezieht die Crowd aber nicht nur aus dem Renditeversprechen, sondern auch aus dem guten Gefühl, ein junges Unternehmen zu unterstützen. Anders als früher, als das nicht möglich war.

Durchschnittlich investiert ein Anleger circa 1.400 Euro pro Projekt, und dies mit großer Wiederholungsrate.

Christopher Grätz, CEO und Co-Founder der kapilendo AG, im Gespräch mit DER ANLEGER

Rasant wachsender Markt

Vor sechs Jahren flossen gerade einmal 1,4 Millionen auf diesem Weg in die Firmen. 2016 waren es schon 63,8 Millionen Euro. Bevor Crowdfunding auch in Deutschland erste Wurzeln schlug, standen Unternehmerinnen und Unternehmern nur klassische Finanzierungsformen offen: Der Weg zur Bank endete nicht selten in einem Fiasko. Die teils verrückten Ideen waren zu viel für den lokalen Bankberater, der lieber die Mappe über der Idee zusammenschlug als ein Risiko einzugehen. Mutige klopften bei Business Angels an oder suchten Venture-Capital-Firmen auf. Menschen wie Frank Thelen also, der heute als Juror bei "Die Höhle der Löwen" einen hohen Bekanntheitsgrad erlangt hat. Im Jahr 2017 ist das Crowdfunding endgültig in Deutschland angekommen. Bis Ende September investierte die Crowd 125,4 Millionen Euro in Unternehmen, Immobilienprojektierer und Anbieter von innovativen Energielösungen. Mit über 100 Millionen entfiel der Großteil dabei auf Immobilien-Investments. 


Stand: Oktober 2017

Profit mit Mehrwert

Wer will, kann selbst mit kleinen Beiträgen vom Boom solcher Finanzierungsformen profitieren. Gerade einmal 100 Euro muss mitbringen, wer über Kapilendo mitmischen möchte. Companisto setzt die Untergrenze ebenfalls bei 100 Euro. Seedmatch hängt mit 250 Euro die Latte ein klein wenig höher. Im Immobiliensektor ist die Partizipation sogar mit noch weniger Geld möglich. Der neu gestartete Anbieter EV Capital des Immobilienmaklers Engel & Völkers ermöglicht die Teilhabe an Immobilienprojekten bereits ab 100 Euro! Inwiefern das tatsächlich sinnvoll ist, sei dahingestellt. Es macht aber deutlich, wie kostengünstig Privatpersonen heute das tun können, was noch vor wenigen Jahren ausschließlich professionellen Investoren möglich war: am Erfolg junger Unternehmen - beginnend in ihrer Gründungsphase - mitverdienen.  


Hopp oder top - ist das wirklich so?

Kritiker des Modells wenden hingegen ein, das Risiko eines Scheiterns sei gerade bei jungen Firmen enorm und damit für Privatpersonen kaum abschätzbar. Gänzlich von der Hand weisen lässt sich das nicht. Und Pleiten wie die von Protonet schüren ein ungutes Gefühl. Der Entwickler eines sicheren Servers für den Heimgebrauch galt als Vorzeige-Start-up und sammelte - damals Rekord - innerhalb weniger Tage drei Millionen Euro bei etwa 1.800 Investoren ein. Keine drei Jahre später musste das Hamburger Unternehmen Insolvenz anmelden. Das Geld der Anleger: futsch. Der Grund: Bei Crowdinvestings handelt es sich in den allermeisten Fällen um sogenannte Nachrangdarlehen. Ehe man ein solches gewährt, sollte man sich der Tatsache bewusst sein, dass man im Falle einer Insolvenz erst dann bedient wird, wenn alle anderen Gläubiger schon ihr Geld bekommen haben. Weil die Kapitaldecke von Start-ups aber von Natur aus dünn ist, geht man bei dieser Form der Finanzierung in der Regel also leer aus.

Start-up-Investments sind damit weder hopp noch top. Einzelfälle mögen das Bild verzerren. De facto aber entwickeln sich crowdfinanzierte Unternehmen besser als das Gros junger Unternehmen. Zahlen des Branchendienstes Crowdinvest.de zufolge sind gemessen am investierten Volumen mehr als drei von vier Unternehmen entweder noch aktiv oder haben das Investment der Crowd bereits erfolgreich zurückgezahlt. Nur bei etwa jedem zwölften Euro kam es bisher zu einem Ausfall, bei jedem siebten ist der Status unbekannt. Im schlechtesten Fall geht also jeder fünfte investierte Euro den Bach runter.

Was grausam klingt, ist in Wahrheit ein Top-Wert. Statistisch betrachtet schließt jedes vierte Unternehmen innerhalb eines Jahres nach Gründung seine Pforten wieder. Innerhalb der ersten fünf Jahre ist es etwa jedes zweite. Dieser Vergleich zeigt: Crowdfinanzierte Firmen leben offenbar besser. Einer der Gründe könnte sein, dass der Prozess der Crowdfinanzierung ihnen bereits sehr gute Hinweise liefert, ob ihr Produkt am Markt ankommt oder nicht. Tut es das nicht, scheitert in der Regel schon die Finanzierung. Ist sie aber erfolgreich, haben sich also ausreichend Unterstützer gefunden, lässt das darauf schließen, dass eine Idee auch außerhalb des Crowd-Universums eine Chance hat.

Hinzu kommt ein weiterer Vorteil: Durch die Ansprache potenzieller Supporter über das Internet lernen die Gründer professionelles Auftreten. Die Plattformen bieten Geleitschutz, helfen bei der Erstellung von Video-Vorstellungen und Mappen - und prüfen die Business-Pläne. So gewappnet, fällt im Nachgang auch der Weg zu professionellen Investoren leichter. Anschlussfinanzierungen sichern dann den Fortbestand. Eine Win-win-Situation, von der alle etwas haben: die Gründer, die Crowd und am Ende auch die Venture-Capital-Firmen.  


Stand: Oktober 2017

Die Investitionen werden mehr und größer und die Crowd immer breiter.

Christopher Grätz, CEO und Co-Founder der kapilendo AG, im Gespräch mit DER ANLEGER

Soll man nun oder nicht?

 Ob man als Anleguer bereit ist, Teil der finanzierenden Crowd zu werden, muss jeder für sich selbst beantworten. Im Erfolgsfall winken satte Gewinne, im Falle eines Misserfolgs der Totalverlust des eingesetzten Kapitals. Der goldene Mittelweg kann daher nur lauten: Nicht alles, aber einen kleinen Teil des Ersparten kann man angesichts der bisherigen Erfolgsgeschichte dieses Finanzierungsmodells durchaus riskieren, verteilt auf mehrere Unternehmen wohlgemerkt. Aufgrund der geringen Mindestbeträge sollte das aber kein Problem sein. Dann kann es sich lohnen, selbst einmal Löwe zu sein, statt den Löwen nur im Fernsehen bei der Arbeit zuzusehen. 


Dieser Artikel ist in der November-Ausgabe unseres Magazins DER ANLEGER erschienen.

Ausgabe 07/18

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