T-Aktie = Tschüss-Aktie – Das deutsche Trauma und die Lehren daraus

Leon Müller | Chefredakteur
08.05.2018 11:45

Bill Clinton wird als Präsident der Vereinigten Staaten wiedergewählt. Einige Monate zuvor wird in Schottland das erste geklonte Säugetier der Welt geboren: das Schaf Dolly. In Deutschland ist die Dominanz des FC Bayern München bei Weitem noch nicht so ausgeprägt wie heute. Ausgerechnet Borussia Dortmund wird deutscher Meister. Und in der Formel 1 muss sich Michael Schuhmacher Damon Hill geschlagen geben. Keine Frage, das Jahr 1996 ist ereignisreich, aber im Grunde nicht anders als andere. Bis auf eine Tatsache. Denn ein Ereignis verändert Deutschland – nachhaltig. Und es hat nichts mit Clinton, Dolly oder Schumacher zu tun, sondern mit Sommer und Krug.

Von den Mattscheiben in unseren Wohnzimmern lächelt uns seit Monaten ein Mann entgegen, der uns sonst in seiner Rolle als Tatort-Kommissar fesselt: Manfred Krug. Er ist die Galionsfigur einer neuen Ära. Ihm glauben wir gerne. Und wir gehen auch seinetwegen ein Wagnis ein, eines, das uns zuvor unmöglich erschien. Am 18. November 1996 ist der Tag der Tage gekommen. Dagmar Berghoff eröffnet die Tagesschau mit dem Börsengang der Deutschen Telekom (hier können Sie die Sendung in der ARD-Mediathek abrufen).  Ron Sommer ist auf dem Parkett zu sehen. Der Chef der Telekom ist sichtlich erfreut. Da ahnen wir noch nicht, was uns bevorsteht. Die Deutschen und die Börse – das ist auch die Geschichte der T-Aktie. In einem Einspieler befindet Finanzminister Theo Waigel: „Das war ein großartiger Tag für die Aktienkultur.“ Börsen-Altmeister André Kostolany ergänzt: „Das ist eine Aktie für den Ruhestand.“ Wie sehr sie alle danebenliegen, das wird sich erst in einigen Jahren zeigen. An diesem Tag sind alle glückselig. Für 28,50 Deutsche Mark an Millionen Deutsche verkauft, wird der erste amtliche Kurs für die Telekom-Aktie bei 33,20 D-Mark festgestellt. Die T-Aktie löst eine nie dagewesene Börsen-Euphorie aus – begründet dann aber ein Trauma, das viele Anleger bis heute gefangen hält.

Diese Euphorie gipfelt in zwei weiteren Telekom-Börsengängen. Am 28. Juni 1999 bringt die Telekom 281 Millionen Aktien zu 39,50 Euro an den Mann. Da ist das Ende noch vermeintlich fern, in Wahrheit aber soll es nicht einmal mehr ein Jahr dauern, bis Träume platzen, bis das Trauma beginnt. Doch noch ist es nicht so weit. Überall in der Republik sprießen jetzt Investmentklubs aus dem Boden. Börsengänge – Garanten für schnelle Gewinne – sind jetzt an der Tagesordnung. Nach 79 im Jahr 1998 wagen im Jahr darauf 175 Firmen den Sprung aufs Parkett, selbst 2000 noch folgen 142 weitere. Darunter auch die Telekom. Zum dritten Mal. Sie überschwemmt den Markt am 19. Juni 2000 mit 200 Millionen Aktien zu 66,50 Euro. Diesen Kurs soll die Aktie nicht mehr wiedersehen – bis heute nicht.

Mit 8.136 Punkten erreicht der DAX am 7. März 2000 seinen Höchststand. Von nun an geht es bergab, bis auf 2.202 Punkte im März 2003. Und die T-Aktie? Sie fällt. Bis auf 8,42 Euro. Den Deutschen reicht es da längst. Aktien? Nie wieder! T-Aktie bedeutet jetzt Tschüss-Aktie.

Heute wissen wir: Die Telekom hat den Deutschen die Aktie erst näher ¬– und sie dann wieder von ihr weggebracht. Die Aktienkultur, die Theo Waigel herbeisehnte – sie wurde zu großen Teilen im Keim erstickt. Man hat den Eindruck, die Deutschen fürchten sich heute mehr vor einer Anlage in Aktien als vor der Euphorie-Phase. Dabei fällt die Bilanz der T-Aktie besser aus, als man angesichts der beschriebenen Ereignisse vermuten könnte. Auch wenn das Papier des Telekom-Riesen heute nur unwesentlich mehr wert ist als beim ersten Börsengang, so hat sie Anlegern dank Dividendenausschüttungen durchaus Gewinne beschert. 3,1 Prozent pro Jahr beträgt die jährliche Rendite seit 1996, sofern man sich die Dividenden hat auszahlen lassen. Das ist – trotz aller Nerven, die man seither verloren hat – immer noch besser als Sparbuch, Tagesgeld und Co. Die T-Aktie war damit noch lange kein gutes Investment und ganz sicher nicht das beste. Das schlechteste allerdings war sie nicht. Die Erkenntnis, die ihre Geschichte Anlegern bringt, sollte daher lauten: Es ist in Ordnung, etwas zu riskieren, man sollte nur nicht alles auf eine Karte setzen. Wer am Tag des Telekom-Börsengangs statt in die Telekom einfach in alle 30 DAX-Unternehmen investiert hätte, hätte bis heute eine jährliche Rendite von 7,8 Prozent erzielt. Euphorie hin, Trauma her – Aktien sind trotz aller Aufs und Abs eine hervorragende Geldanlage. 

Dieser Artikel ist im Rahmen des Schwerpunkt-Themas "Aktien auf Rekordfahrt – So handeln Sie jetzt richtig!" in der Dezember-Ausgabe unseres Magazins DER ANLEGER erschienen, die Sie hier lesen können.

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