Warren Buffett: Der Kaufmann

Leon Müller | Chefredakteur
07.02.2018 15:20

Warren Buffett ist kein Unbekannter. Weniger bekannt ist dagegen, dass die Investmentlegende letztlich durch die Kultivierung einer alten Kaufmannsregel zu einem der reichsten und angesehensten Geschäftemacher des Planeten aufsteigen konnte.


Es ist relativ simpel: Kaufe einen Sechserpack Cola für einen Euro je Flasche. Und verkaufe die Flaschen dann einzeln für 1,50 Euro das Stück. 50 Cent Gewinn – das ist heute für viele nichts mehr, wofür es sich lohnt, auf die Straße zu gehen. Mit welcher Hingabe muss also ein kleines Kind zu Werke gehen, das nur 20 und nicht 50 Prozent Rendite mit solch einer Unternehmung erwirtschaftet? Keine Frage, mit Blick auf die Kaufkraft des Geldes in den USA der 30er- Jahre hinkt der Vergleich natürlich. Die Aussagekraft jener berühmten Geschichte aus der Kindheit des Warren Buffett bleibt davon dennoch unberührt. Buffett verstand sich nämlich schon recht früh darauf, lukrative Geschäfte abzuwickeln.  

Buffett, mittlerweile stolze 87 Jahre jung, begann sein unternehmerisches Treiben bereits im frühen Kindesalter. Am eigenen Verkaufsstand vor dem elterlichen Wohnhaus oder durch Klinkenputzen brachte er Erfrischungsgetränke und Kaugummi an den Mann. Schon zu dieser Zeit mit ansehnlichem Gewinn, wie das Coca-Cola-Beispiel zeigt. Übrigens ein interessantes in gleich mehrfacher Hinsicht. Zum einen könnte man hier den Ursprung seiner Zuneigung zum Unternehmen Coca-Cola vermuten – Buffett ist über seine Holding Berkshire Hathaway heute größter Anteilseigner des Weltkonzerns. Zum anderen wird er nicht müde zu betonen, dass es keiner außergewöhnlichen Anstrengungen im Investmentgeschäft bedarf, um außergewöhnliche Ergebnisse zu erzielen.  

Früh übt sich ...

Buffetts Antrieb waren die Nachwirkungen der schweren Wirtschaftskrise in den USA, die auch seine Familie zu Beginn der 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts in Mitleidenschaft zogen. Die Unsicherheit, die Entbehrungen und die Sorgen dieser Zeit ließen im Kind des Jahrgangs 1930 den Traum vom eigenen Reichtum reifen. Und so kann die Geschichte von Buffetts Aufstieg durchaus auch als Geschichte vom Amerikanischen Traum erzählt werden. In jedem Fall ist sie aber ein meisterhaftes Lehrstück für alle, die es selbst einmal zu Ruhm und finanzieller Unabhängigkeit bringen möchten.  


Wird Buffetts Aufstieg seziert, stößt man früh auf die zentralen Elemente, die jene märchenhaften Gewinne über die folgenden Jahrzehnte überhaupt erst ermöglichen sollten. Vier Säulen stechen hervor. Die erste und zentrale Säule ist das Äquivalent zu einer alten Kaufmannsregel, die besagt, dass der Gewinn eines jeden Geschäfts im Einkauf liegt. Buffett jedenfalls wusste sich diese alte Kaufmannsregel zunutze zu machen. Seinerzeit begann alles mit einigen Glücksspielautomaten. Sie waren schon in die Jahre gekommen, weshalb Buffett sie mithilfe der Ersparnisse eines Schulkameraden günstig erstehen konnte. Die Automaten platzierte er anschließend in einigen lokalen Friseursalons. Deren Inhaber beteiligte er am Gewinn. Ein brillanter Plan. Der Einsatz hatte sich schnell amortisiert. Die Erlöse sprudelten derart, dass Buffett seine Unternehmung nur wenig später zu einem Vielfachen des eingesetzten Kapitals wieder veräußerte. Das Geheimnis seines Erfolges: Buffett hatte den wahren Wert der Automaten erkannt. Im Gegensatz zum Vorbesitzer. Diese Gabe Buffetts, die sich wie ein roter Faden durch sein ganzes Leben zieht, sollte ihm Jahrzehnte später schließlich seinen Spitznamen bescheren: das Orakel von Omaha. Einen Teil der Erlöse aus diesem Deal investierte der Jungunternehmer unter anderem in Farmland, welches er verpachtete und so abermals eine frische Einnahmequelle erschloss.

Es gefällt mir, wenn die Kurse fallen. Ich kaufe gerne günstig.

Warren Buffett

Dieser Sachverhalt führt zur zweiten Zutat in Buffetts Erfolgsrezept. Er erkannte früh, dass es weitaus einträglicher war, sein Geld für sich arbeiten zu lassen anstatt es als Einlage bei einer Bank zu belassen. Zu dieser zweiten sollten sich als dritte Säule seines Erfolges schließlich die Annehmlichkeiten des amerikanischen Steuersystems mit all seinen Schlupflöchern gesellen, welche er meisterhaft für sich zu instrumentalisieren wusste. Sinnbildlich dafür kann Buffetts erste Steuererklärung stehen. Bereits mit 13 Jahren füllte er sie aus – und machte dabei 35 US-Dollar an Kosten für sein Fahrrad geltend, die er durch die Nutzung für Tätigkeiten wie Zeitungaustragen absetzen konnte. Buffetts Kritiker werfen dem Philanthropen, der bereits Milliarden US-Dollar seines Vermögens für wohltätige Zwecke gespendet hat und der sich für mehr Gerechtigkeit und höhere Steuerbelastungen für die Superreichen einsetzt, im Übrigen bis heute Scheinheiligkeit vor. Er soll viele seiner Deals auf Kosten des amerikanischen Staates und seiner Bürger geschlossen haben, da er ihnen durch die vielen Schlupflöcher im System Steuern in Milliardenhöhe vorenthalten habe.

Der Schüler trifft seinen Meister

Buffett hatte also unbestritten schon recht früh das nötige Rüstzeug beisammen, um nach dem Schulabschluss auch als Erwachsener erfolgreich in der Geschäftswelt zu bestehen. Dennoch war es wohl sein Vater, der die entscheidenden Weichen für Buffetts leuchtende Zukunft stellen sollte. Während sich dieser direkt in die Arbeitswelt stürzen wollte, drängte sein Vater ihn, den höheren Bildungsweg einzuschlagen. Ein wahrer Glücksfall, wie sich später herausstellen sollte. Denn Buffetts Wege sollten sich an der Universität von Columbia mit jenen einer anderen Investmentlegende kreuzen: Benjamin Graham, der Vater des Value Investing, sollte Buffetts Mentor werden. Und ihm jene entscheidende Lehre zuteilwerden lassen, die es ihm später ermöglichte, zu dem erfolgreichen Investor zu werden, als der er heute gilt. Warren Buffett suchte wegen Grahams Standardwerk „The Intelligent Investor“ die Nähe seines Mentors. Buffett würdigte das Buch später einmal als das beste Buch, das je zum Thema Geldanlage geschrieben worden sei. Grahams Lehre beruht im Kern darauf, solide Unternehmen zu finden, die am Aktienmarkt unter ihrem eigentlichen, ihrem inneren Wert gehandelt werden. Eine Anleitung zur Schnäppchenjagd am Aktienmarkt, wenn man so will. Früher oder später würde der Markt schon merken, dass ihm bei der Bewertung des Unternehmens ein Fehler unterlaufen sei. Ist dies der Fall, würde der Investor profitieren. Eine zusätzliche Absicherung bot dabei die berühmte Sicherheitsmarge. Dieses Konzept Grahams fungierte als eine Art Sicherheitsnetz, das dem Investor eine Orientierung bot, zu welchem Preis ein Investment generell noch sinnvoll wäre.

Auf eigenen Füßen

Nach den Lehrjahren unter Grahams Aufsicht sowie in dessen Investmentgesellschaft Graham-Newman ließ Buffetts Erfolg nicht lange auf sich warten. Im Alter von 25 Jahren gründete Buffett, seine erste eigene Investmentgesellschaft namens Buffett Associates. Das Startkapital kam von einigen beteiligten Partnern. Diese sollten ihren Vertrauensvorschuss nicht bereuen. Die für alle Seiten äußerst profitable Partnerschaft erbrachte innerhalb der ersten zehn Jahre einen Gesamtzuwachs im niedrigen vierstelligen Prozentbereich. Der US-Leitindex Dow Jones hatte sich im selben Zeitraum gerade einmal verdoppelt. Im Jahr 1969 entschied sich Buffett dann allerdings, der Partnerschaft den Rücken zu kehren. Am Aktienmarkt kam es zunehmend zu Übertreibungen, die für einen rational kalkulierenden Kopf wie ihn kaum nachvollziehbar waren. Buffett spürte, dass das Eis dünner wurde. Und er war nicht willens, seinen Investmentansatz zugunsten wilder Spekulationen zu opfern. Und auch nicht bereit dazu, die Verluste zu akzeptieren, die ohne die am Markt kaum noch auffindbare Sicherheitsmarge bei potenziellen Investments drohten. Buffett bevorzugte also wie so oft in den folgenden Jahren den strategischen Rückzug, um genau dann zuschlagen zu können, wenn es am Markt zu einer Korrektur der Übertreibungen kommen würde.

Meilensteine einer Legende

Diesen Schachzug brachte Buffett einmal prägnant auf eine Formel: Kaufen, wenn die Kanonen donnern. Seine Geschichte ist voll von derlei Zügen. Bei der überwältigenden Mehrheit der Investitionen führte diese Vorgehensweise zum Erfolg. Zu den prominentesten Exempeln gehört der Deal mit der Bank of America. Im Jahr 2011 hatte der Investor der im Zuge der Finanzkrise angeschlagenen Bank mit einer Finanzspritze in Höhe von fünf Milliarden US-Dollar ausgeholfen. Teil des Deals war die Option, die erworbenen 700 Millionen Vorzugsaktien der Bank zu je 7,14 US-Dollar das Stück in reguläre Aktien umzutauschen. Dies war in etwa der Preis, zu der die Anteilscheine seinerzeit gehandelt wurden. Der Tausch sicherte Buffett mit Blick auf die Bewertung auf einen Streich einen Gewinn von mehr als zwölf Milliarden US-Dollar. Berkshire Hathaway ist heute mit breit gestreuten Investments auf dem Energie-, dem Transport-, dem Banken- und dem Versicherungssektor zu einem der größten Firmenkonglomerate aufgestiegen. Im Jahr 2016 setzte das Unternehmen stolze 223 Milliarden USDollar um. Buffetts erfolgreiche Investitionen machten sich natürlich zwangsläufig auch auf seinem eigenen Konto bemerkbar. Mit einem geschätzten Vermögen von gut 79 Milliarden US-Dollar rangiert der Investor auf Platz 4 des Bloomberg Billionaires Index, der die 500 reichsten Menschen des Planeten auflistet. Trotz all seines Erfolges ist Buffett dabei stets bescheiden und bodenständig geblieben. Er bewohnt noch immer das Haus, das er 1958 für 31.500 US-Dollar erworben hat. Überhaupt scheint dies die letzte, ja vielleicht wichtigste Säule seines Erfolgsrezepts zu sein: Es darf nicht zu kompliziert werden, lautet ein gern zitierter Rat. Oder einprägsamer: Investiere nur in das, was du verstehst. Umso besser erkennt ein Kaufmann ein gutes Geschäft.

Dieser Artikel ist in der November-Ausgabe unseres Magazins DER ANLEGER erschienen.

Ausgabe 06/18

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